Die Geschichte
Ausonius und Bissula
Im Jahr 368 n. Chr. zog der römische Kaiser Valentinian I. mit seinem Heer gegen die Alamannen. In der Schlacht bei Solicinium — vermutlich im heutigen Württemberg — errangen die Römer einen entscheidenden Sieg. Unter den Gefangenen war ein junges alamannisches Mädchen namens Bissula.
Sie wurde dem Dichter und Politiker Decimus Magnus Ausonius als Sklavin zugeteilt. Ausonius, ein verwitweter Professor aus Bordeaux, war um 360 n. Chr. von Kaiser Valentinian nach Trier berufen worden, um dessen Sohn Gratian zu erziehen. In Trier stieg er zum höchsten Verwaltungsbeamten Germaniens auf.
Der bereits über sechzigjährige Ausonius verliebte sich in die junge Bissula, schenkte ihr die Freiheit und verewigte sie in einem Gedichtzyklus — den Carmina de Bissula, sechs erotisch-lyrischen Gedichten, die er seinem Freund Paulus widmete.
Bissula, trans gelidum stirpe et lare prosata Rhenum,
conscia nascentis Bissula Danuvii. Ausonius, de Bissula
Der Name Bissula ist keltisch-germanischen Ursprungs und bedeutet möglicherweise „die Kleine“ oder „die Zierliche“. Die Gedichte gehören zu den wenigen erhaltenen spätantiken Texten, die eine persönliche Liebesbeziehung zwischen einem Römer und einer germanischen Frau bezeugen.
Die Verbindung zu Trier
Trier — Augusta Treverorum — war im 4. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte des Römischen Reiches und zeitweise Kaiserresidenz. Hier lebte und wirkte Ausonius, hier entstand sein poetisches Werk über Bissula. Als die Universität Trier Jahrhunderte später ein rekonstruiertes römisches Handelsschiff taufte, lag der Name auf der Hand.
Das Wrack
Die Entdeckung in der Bucht von Laurons
Im Jahr 1978 wurden bei Martigues, zwischen Fos-sur-Mer und Marseille, mehrere römische Schiffswracks in der Anse des Laurons entdeckt — einem antiken Naturhafen an der südfranzösischen Küste. In den Ausgrabungskampagnen der 1980er Jahre wurden insgesamt vier Wracks freigelegt.
Das als „Laurons II“ bezeichnete Wrack erwies sich als archäologische Sensation: Es datiert auf das Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. und stellt einen kleineren, aber weit verbreiteten Typ römischer Frachtsegler dar. Das Schiff fiel vermutlich einem Sturm zum Opfer.
Warum Laurons II so besonders ist
Der Erhaltungszustand des Wracks ist einzigartig im gesamten Mittelmeerraum: Vom Kiel bis zum Deck ist die Struktur durchgehend erhalten. Das ermöglichte detaillierte Erkenntnisse über Rumpfkonstruktion, Beplankung, innere Strukturen, Deckkonfiguration und Takelagepunkte — Informationen, die bei den meisten antiken Wracks verloren sind.
Diese beispiellose Erhaltung machte Laurons II zur idealen Vorlage für einen originalgetreuen Nachbau.
Die Rekonstruktion
Das Rekonstruktionsprojekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und gemeinsam von der Universität Trier und der Hochschule Trier durchgeführt. Im Frühjahr 2016 begann die Planungsphase mit dem Fällen geeigneter Bäume für den Schiffbau. Die eigentliche Bauphase erstreckte sich von 2017 bis 2019.
Am 5. Juli 2019 wurde das Schiff im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am Wasser- und Schifffahrtsamt Trier von Ministerpräsidentin Malu Dreyer auf den Namen Bissula getauft — zu Ehren jener Frau, die Ausonius einst in Trier besungen hatte.
Technische Daten
Zusätzlich zum Originalschiff wurde ein Modell im Maßstab 1:3 gebaut, die sogenannte „Bissulina“. Sie dient als Referenzmodell, um die Übertragbarkeit von Segeldaten vom Modell auf das Originalschiff zu kalibrieren.
Von der Zeichnung zum Schiff
Die Rekonstruktion basiert auf den detaillierten Zeichnungen und Entwürfen von Dr. Ronald Bockius, die aus der sorgfältigen Analyse des Laurons-II-Wracks hervorgingen. Das Team von Michael Hoffmann an der Hochschule Trier erstellte darüber hinaus detaillierte 3D-Digitalmodelle, die sowohl für virtuelle Simulationen als auch für VR-Anwendungen in der experimentellen Archäologie genutzt werden.
Studierende beider Hochschulen leisteten unzählige Arbeitsstunden beim Schiffbau, unterstützt von professionellen Handwerkern und Freiwilligen.
Die Forschung
Das übergeordnete Forschungsziel ist die Untersuchung von Potenzial und Intensität des römischen Seehandels, wobei die Leistungsfähigkeit eines rekonstruierten, seetüchtigen Handelsschiffs im Mittelpunkt steht. Der maritime Handel war fundamental für die antike römische Wirtschaft — Getreide, Öl, Wein und andere Güter wurden über weitgespannte Verteilungsnetzwerke transportiert, die das Imperium am Leben hielten.
Testphase auf der Mosel (2019–2023)
Über etwa vier Jahre wurde die Bissula intensiv auf der Mosel bei Trier getestet. Messelektronik erfasste relevante Leistungsdaten dreimal pro Sekunde. Moderne nautische Instrumente sammelten umfangreiche Daten zu Manövrierfähigkeit und Leistung. Externe Einflüsse wie die Moselströmung wurden mathematisch herausgefiltert.
Die Forscher entwickelten Leistungsdiagramme, die die Schiffsgeschwindigkeit in Relation zu Windgeschwindigkeit und -richtung darstellen. Hydrodynamische Tests umfassten Schleppversuche mit einem 70-Meter-Schleppseil, das mit Sensoren zur Messung des Wasserwiderstands bei verschiedenen Geschwindigkeiten und Beladungszuständen ausgestattet war.
Mittelmeer-Kampagne (Oktober 2023)
Im September 2023 wurde die Bissula per Schwerlasttransport von der Mosel nach Cannes überführt — eine logistische Meisterleistung, die in der Nacht durch Trier eindrucksvolle Bilder lieferte. Im Oktober folgten dann die Mittelmeer-Erprobungen vor Cannes.
Die Ergebnisse übertrafen die Erwartungen: Das Schiff zeigte bessere Segeleigenschaften als prognostiziert und meisterte auch stärkeren Wind und höhere Wellen souverän. Die Crew stellte fest, dass sich das Schiff unter maritimen Bedingungen deutlich anders verhält als auf der Mosel.
DIMAG — Digitaler Maritimer Atlas
Das DFG-geförderte Projekt DIMAG (Digital Maritime Atlas for Ancient Commerce) nutzt die gemessenen Leistungsdaten der Bissula, um einen umfassenden digitalen maritimen Atlas zu entwickeln. Jun.-Prof. Dr. Pascal Warnking kombiniert dabei digitale Routensimulationssoftware — wie sie in renommierten Segelregatten weltweit eingesetzt wird — mit ökonomischen Modellen, um antike Schifffahrtsrouten zu rekonstruieren.
Ein zentrales Ziel ist die Frage, ob digitale Berechnungsmodelle physische Rekonstruktionen für historische Analysen in Zukunft ergänzen oder sogar ersetzen könnten.
Zeitstrahl
Das Team
Das Bissula-Projekt vereint Expertinnen und Experten aus Alter Geschichte, Ingenieurwesen, Archäologie und Digitaltechnik — ein interdisziplinärer Ansatz, der experimentelle Archäologie auf ein neues Niveau hebt.
Daneben haben zahlreiche Studierende beider Hochschulen, professionelle Handwerker und Freiwillige unzählige Stunden in den Bau und die Erprobung der Bissula investiert.
Quellen & Weiterführendes
- Uni Trier Röm. Handelsschiff Bissula — Universität Trier
- Hochschule Römerschiff BISSULA — Hochschule Trier
- Forschung Bissula erklärt die antike Wirtschaftsgeschichte
- Portal Maritime Verbindungen — Reconstructions
- Archäologie Die Bissula öffnet weitere Einsichten in die antike Seefahrt
- Archäologie Schiffstaufe für Bissula (2019)
- Presse Universität Trier mit der Bissula auf wissenschaftlicher Mission — 5VIER
- Projekt roemerschiffe.de — Bissula
- Wikipedia Bissula — Wikipedia (English)